Gedichte / Lieder

Schöne Geschichten und Erzählungen, besinnliche und amüsante Gedichte und Lieder!

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Moni
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Beitrag von Moni » 24.01.2006, 10:20

Der Storch

Der Storch kommt aus Egypterland,
Weil Frühlingslüfte riefen.
Er steht auf seinem alten Stand
Und klappert Hieroglyphen.

Da nun Poeten überall
Der Vogelsprache kundig,
So auch den ganzen Klapperschwall
Des braven Storchs verstund ich.

Da er zurück von Pyramid',
Von Nil und Krokodil kam,
So war's ein gar vergnüglich Lied
Vom wunderschönen Nilschlamm.

Ein jeder Storch am Nilschlamm hängt
Und klapprig ihm zu Muth wird,
Wenn er an seinen Nilschlamm denkt,
Und wie's dem Storch da gut wird!

Da krabbelt's hin, da krabbelt's her,
Und allerwegen hüpft es! -
Man geht umher und schmauset sehr,
So glatt hernieder schlüpft es.

Auch weiß der Störche Tradition
Aus grauer Zeit zu sagen:
Die wundervolle Märe von
Egyptens sieben Plagen.

Die Frösche millionenweis'!
Das war ein Morden schmausend! -
O Zeit, du aller Zeiten Preis,
Du schwandest manch Jahrtausend!

Doch ward erzählt von Ahn zu Ahn
Die Sage so vorzüglich -
Jetzt denkt auch dieser Storch daran
Und klappert so vergnüglich.

Heinrich Seidel



Viele Grüße
Moni :) :)
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"Haben Tiere eine Seele und Gefühle" kann nur fragen, wer über keine der beiden Eigenschaften verfügt.
(Dr. Eugen Drewermann)

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Moni
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Beitrag von Moni » 21.02.2006, 08:28

Der verliebte Maikäfer

Glühwürmchen, steck's Laternchen an!
ich will ein Ständchen bringen,
zur roten Tulpe führ' mich hin,
da wohnt meine schöne Fliege drin,
die hört so gern mich singen!"
Maikäfer spricht's, der eitle Geck;
er knüpft nach Stutzerweise
sein braunes Röckchen zierlich auf,
zieht kraus die Flügel draus herauf,
und macht sich auf die Reise.

Auf gold'nem Stühlchen saß daheim
schön' Fliege gar app'titlich,
trank ihren Tau in guter Ruh,
aß etwas Blumenstaub dazu
und war so recht gemütlich.

Da leuchtet's durch die rote Wand,
sie war gar fein gewoben;
da summt es drauß,
da wankt und schwankt das Tulpenhaus,
Maikäferchen saß oben.

Schön' Fliege denkt: "Du alter Narr,
du kommst mir recht zu passe!"
Sie fliegt zum Dach und giesset schlau
einen ganzen großen Tropfen Tau
dem Käfer auf die Nase.

Kalt Wasser, von so zarter Hand
auf heißes Blut gegossen,
das kühlt ein ewnig heftig ab,
Maikäfer stürzt im Nu herab,
als wär' er tot geschossen.

Doch kaum erholt er sich vom Schreck,
da spricht er ohn' Verdriessen:
"Das Zuckerkind! wie denkt sie mein!
wollt' mich mit süßem Trank erfreu'n,
tät nur zu viel vergiessen!"

Schön' Fliege macht die Äuglein zu
und meint: der kommt nich wieder;
da summt es drauß, da brummt es drauß,
es wankt und schwankt das Tulpenhaus,
Maikäferchen kam wieder.

Schön' Fliege denkt: "Nun warte, Wicht!
Ich will im Takt dich rütteln!"
Sie fliegt vom Wand zu Wand herum,
daß sich die ganze Tulpenblum',
als wär ein Sturm, muß schütteln.

Wer hoch in Liebesträumen schwebt,
sieht nicht auf Steg und Wegen;
die Tulpenwände waren glatt,
und eh's der Käfer merken tat,
hat unden er gelegen.

Doch kaum erholt er sich vom Schreck,
vergessen war das Leiden:
"O je! wie bin ich doch beglückt,
mein Ständchen hat sie so entzückt,
daß hoch sie sprang vor Freuden!"

Schön' Fliege, bald im Schlummer schon,
sie denkt: der kommt nicht wieder;
da summt es drauß, da brummt es drauß,
es wankt und schwankt das Tulpenhaus,
Maikäferchen kam wieder.

"Jetzt hab' ich den Gesellen satt,
soll mir nicht wieder kommen;
ist nur die Sonne erst erwacht
und hat mein Häuschen aufgemacht,
dann soll's ihm schlecht bekommen!"

Und wie die liebe Sonne
durch die ersten Fügen blinket,
da stürmt im Fluge sie hervor,
schlägt mit den Flügeln ihm um's Ohr,
daß tief ins Gras er sinket.

Doch bald erholt er sich vom Schreck:
"Nun ist mein Glück vollkommen!
Sie wollt' mich küssen offenbar,
da mußte grad ich dummer Narr
ihr untern Flügel kommen!

Glühwürmchen! Glühwürmchen!
Glühwürmchen, lisch dein Lichtchen aus,
mußt nicht so viel vergeuden!
wir brauchen's heute Abend doch,
da kommen wir viel früher noch!
es macht ihr tausend Freuden!


Robert Reinick (1805-1852)

:D :D :D

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Beitrag von Moni » 01.03.2006, 21:49

Hoffmann von Fallersleben,
August Heinrich (1798-1874)

Schöner Frühling, komm doch wieder,
Lieber Frühling, komm' doch bald,
Bring' uns Blumen, Laub und Lieder
Schmücke wieder Feld und Wald.
Auf die Berge möcht' ich fliegen,
Möchte seh'n ein grünes Tal,
Möcht in Gras und Blumen liegen
Und mich freu'n am Sonnenstrahl.

Möchte hören die Schalmeien
Und der Herden Glockenklang,
Möchte freuen mich im Freien
An der Vögel süßem Sang.

(als Volkslied bekannt)



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Beitrag von Moni » 02.03.2006, 22:08

SPATZ UND KATZE

"Wo wirst du denn den Winter bleiben?"
Sprach zum Spätzchen das Kätzchen.
"Hier und dorten, allerorten",
Sprach gleich wieder das Spätzchen.

"Wo wirst du denn zu Mittag essen?"
Sprach zum Spätzchen das Kätzchen.
"Auf den Tennen mit den Hennen",
Sprach gleich wieder das Spätzchen.

"Wo wirst du denn die Nachtruh' halten?"
Sprach zum Spätzchen das Kätzchen.
"Laß dein Fragen, will's nicht sagen",
Sprach gleich wieder das Spätzchen.

"Ei, sag mir's doch, du liebes Spätzchen!"
Sprach zum Spätzchen das Kätzchen.
"Willst mich holen - Gott befohlen!"
Fort flog eilig das Spätzchen.

Hoffmann v. Fallersleben

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Katzen erreichen mühelos,

was uns Menschen versagt bleibt:

durchs Leben gehen, ohne Lärm zu machen

Ernest Hemingway
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cigüena
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Beitrag von cigüena » 06.03.2006, 20:03

Ente im Eis

Im Stadtpark lag 'ne Menge Schnee,
und zugefroren war der See.
Die Mutter hier spazierenging,
an ihrem Arm die Tochter hing.
Da rief die Kleine laut und kläglich:
„Die Ente dort ist unbeweglich.
Die Flügel sind ihr festgefroren,
wenn niemand hilft, ist sie verloren!“
Bald formten Leute einen Kreis
und spähten wie gebannt auf’s Eis.
Voll Mitgefühl man sich besah
das arme Tier, dem Tode nah.
Es dauerte nicht lange mehr,
da kam herbei die Feuerwehr.
Man legte Leitern übers Eis,
es war mucksmäuschenstill und leis,
als einer dieser Helfer dann
war an der Ente nahe dran.
Er griff nun sehr beherzt nach ihr,
verschreckt flog da das scheue Tier
laut schnatternd ihm davon.
Der brave Mann, der lange schon
ganz müde war von seiner Pflicht,
verlor darauf das Gleichgewicht.
Das Eis zerbrach, er fiel sogleich
schwer wie ein Mühlstein in den Teich.
Die Ente sah in aller Ruh’
dem Drama aus der Ferne zu.
Wie konnte sie auch schließlich wissen,
dass man sie selbstlos und beflissen
vor dem Erfrieren retten wollte,
sie nicht gebraten werden sollte.
Anne-Marie Zuther
hola!

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Beitrag von cigüena » 16.03.2006, 12:58

Walburga Lindl
Das unerwünschte Geschenk

Da bist du nun du kleiner Hund,
ich wollte dich nicht haben.
Zur Freude hab ich keinen Grund,
will keinen Köter haben.

Da sitzt du nun und schaust mich an
mit deinen braunen Augen,
durchbohrst du meinen Widerstand
es ist fast nicht zu glauben.

Ich nehme dich auf meinen Arm,
fühle dein Herzchen schlagen.
Dein Fell so seidenweich und warm
will dich ein bisschen tragen.

Da fallen dir die Äuglein zu
sicher willst du schlafen.
Ein weiches Kissen such ich dir
dem lieben Hund, dem braven.
hola!

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Moni
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Beitrag von Moni » 16.03.2006, 22:40

Ein nachdenkliches Gedicht über den kleinen Hund, cigüena!
Es gefällt mir sehr!

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Beitrag von Moni » 22.03.2006, 22:16

Die alte Weide
Nein, sie sah auch im Winter nicht
aus, wie eine verschrobenen Alte
mit ungekämmten Haaren.
Selbst in ihrer Nacktheit war sie
bewundernswert schön und so
sanft, die alte Trauerweide
in Nachbars Garten.
Wir liebten uns, hielten oft ein
Pläuschchen und sie umspielte
mich dabei mit ihren langen Ruten.
Im Frühling und Sommer erzählte sie
mir von den vielen Vögeln,
die bei ihr ein Zuhause fanden.
HEUTE STARB SIE.
Sie fiel keiner Axt zum Opfer,
nein, scheibchenweise mußte
sie ihr Leben lassen.
Der Himmel trauerte mit mir
und ließ seinen Tränen freien Lauf.
Bald werde ich an ihrer Statt
eine Klinkermauer betrachten können,
aus echten handgeformten Steinen.

Annegret Kronenberg
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Ludwig

Beitrag von Ludwig » 30.12.2006, 15:55

Gedanken zum Jahreswechsel

Die Zeit -
eine Ewigkeit;
ein Augenblick.
Ich schau’ zurück.

Vergeudete Stunden, verlorene Schätze;
vergessen die guten Vorsätze
vom letzten Jahr.
Ich bin ein Narr.

Die Welt können wir nicht ändern;
nur - während wir auf ihr schlendern -
für uns selbst schöner machen,
Freunde suchen zum Leben und Lachen.

Zum Lieben?! Allein sitz’ ich hier;
meine Gedanken schweifen zu dir.
Ich betrachte dein Foto in meinem Zimmer.
Du fehlst mir noch immer.
Ellen Sauer

Ludwig

Osterspaziergang

Beitrag von Ludwig » 05.04.2007, 20:56

Osterspaziergang
von Johann Wolfgang von Goethe


Vom Eise befreit sind Strom und Bäche.
Durch des Frühlings holden, belebenden Blick,
Im Tale grünet Hoffnungsglück;
Der alte Winter, in seiner Schwäche,
Zog sich in rauhe Berge zurück.
Von dort her sendet er, fliehend, nur
Ohnmächtige Schauer körnigen Eises
In Streifen über die grünende Flur.
Aber die Sonne duldet kein Weisses,
Überall regt sich Bildung und Streben,
Alles will sie mit Farben beleben;
Doch an Blumen fehlt es im Revier,
Sie nimmt geputzte Menschen dafür.
Kehre dich um, von diesen Höhen
Nach der Stadt zurück zu sehen!
Aus dem hohlen finstern Tor
Dringt ein buntes Gewimmel hervor.
Jeder sonnt sich heute so gern.
Sie feiern die Auferstehung des Herrn,
Denn sie sind selber auferstanden:
Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
Aus Handwerks- und Gewerbesbanden,
Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
Aus der Strassen quetschender Enge,
Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
Sind sie alle ans Licht gebracht.
Sieh nur, sieh! wie behend sich die Menge
Durch die Gärten und Felder zerschlägt,
Wie der Fluss in Breit und Länge
So manchen lustigen Nachen bewegt,
Und, bis zum Sinken überladen,
Entfernt sich dieser letzte Kahn.
Selbst von des Berges fernen Pfaden
Blinken uns farbige Kleider an.
Ich höre schon des Dorfs Getümmel,
Hier ist des Volkes wahrer Himmel,
Zufrieden jauchzet gross und klein:
Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein!

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