Zum Nachdenken, bevor man sich ein Tier anschafft...

Schöne Geschichten und Erzählungen, besinnliche und amüsante Gedichte und Lieder!

Moderatoren: Administratoren, Moderatoren

Antworten
Benutzeravatar
Kitti
Moderator
Beiträge: 4610
Registriert: 16.01.2005, 13:38
Wohnort: Schweiz
Kontaktdaten:

Zum Nachdenken, bevor man sich ein Tier anschafft...

Beitrag von Kitti » 22.01.2007, 16:30

"Wie konntest Du?"

Als ich noch ein Kätzchen war, unterhielt ich dich mit meinem Herumtollen und brachte dich zum Lachen. Du nanntest mich "dein Baby", und, obwohl ich einige Nippes "killte" wurde ich deine beste Freundin. Wann immer ich etwas "anstellte", hobst du mahnend den Zeigefinger und sagtest: "Wie konntest du!?", aber schon warst du wieder so zärtlich und hast mich eng an dich gedrückt.

Als du im Studium so viel lernen musstest, hattest du natürlich wenig Zeit für mich.
Aber ich verstand das immer, und spielte mit meinen Bällchen.
Ich erinnere mich an alle die Nächte, in denen ich mich in deinem Bett ganz eng an dich schmiegte, und das Leben vollkommen schien. Du tolltest dann auch wieder mit mir herum, und wir genossen die Sonne gemeinsam auf dem Balkon. Von deinem Frühstück gab´s für mich immer was vom Schinken, "aber nicht zuviel, das ist für Katzen ungesund!" Und ich schlief solange, bis du von der Arbeit nach Hause kamst.

Nach und nach verbrachtest du immer mehr Zeit auf der Arbeit als mit mir, um "Karriere" zu machen. Dann warst du so viel weg, um einen Menschenpartner kennenzulernen. Ich wartete immer geduldig auf dich, tröstete dich bei jedem Liebeskummer, tapste mit meinen Pfoten deine Tränen vom Gesicht. Und freute mich, als du endlich "deinen" Partner fandest. Zwar keinen Katzenfreund, aber ich respektierte deine Wahl.
Ich war glücklich, weil du glücklich warst! Dann kamen nacheinander deine Kinder zur Welt.

Ich teilte die Aufregung mit dir. Ich war von den süßen Kindchen so fasziniert, dass ich sie mit bemuttern wollte. Aber du und dein Partner dachten nur daran, dass ich den Kindern schaden, sie gar verletzen könne. Deshalb wurde ich auch noch aus dem großen schönen Raum ausgesperrt. In dein Bett durfte ich schon lange nicht mehr. Ich liebte die Kinder, und wurde "Gefangener der Liebe". Sie fingen an zu wachsen, und ich wurde ihre Freundin.

Sie zerrten an meinen Ohren, meinem Fell, meinem Schwanz, hielten sich auf wackligen Beinchen beim Laufenlernen an mir fest. Sie erforschten meine empfindliche Nase mit unbeholfenen Fingerchen, und ich hielt bei all dem geduldig still. Ich liebte alles an den Kindern, besonders ihre Berührungen, weil deine so selten wurden. Ich war bereit, die Kinder notfalls mit meinem Leben zu verteidigen. Ich war bereit, in ihre Bettchen zu schlüpfen, um ihre Sorgen und Träume anzuhören. Und zusammen mit ihnen erwartungsvoll auf das Motorengeräusch deines Autos zu hören, wenn du in unsere Auffahrt einbogst.

Vor langer Zeit, als man dich fragte, ob du ein Haustier hättest, zogst du aus deiner Tasche ein Foto von mir und erzähltest so liebevoll von mir. Die letzten Jahre gabst du nur noch ein knappes "Ja" zur Antwort und wechseltest dann das Thema. Ich war früher "deine Samtpfote" und bin heute "nur eine Katze".

Dann hattet ihr eine neue Karrieregelegenheit in einer anderen Stadt. Du und deine Familie zogen in eine Wohnung, in der Haustiere nicht erlaubt waren. Ein Mann hat euch das extra noch gesagt, und ihr habt ohne zu Zögern unterschrieben. Beide. Du hattest für dich und deine Familie eine Entscheidung zu finden, die richtig war. Obwohl einmal ich deine Familie war. Die Autofahrt machte Spaß, weil auch die Kinder mitfuhren. Als ich merkte, wo wir angekommen waren, war der Spaß zu Ende. Es roch nach Hunden und nach meinen Artgenossen, nach Angst, Desinfektionsmitteln und Hoffnungslosigkeit. Du fülltest Papiere aus und sagtest, das du wissen würdest, dass man ein gutes Heim für mich finden würde.

Die beiden Damen hinter dem Schreibtisch zuckten mit den Achseln und betrachteten dich merkwürdig. Sie verstanden die Wirklichkeit, der eine Katze über die fünfzehn gegenüberstand. Du hattest die Finger deiner jüngsten Tochter aus meinem Fell lösen müssen, während sie weinte und schrie "Nein, nein nehmt mir meine liebe Katze nicht weg!"

Ich wunderte mich noch, wie du ihr ausgerechnet in diesem Moment etwas von Freundschaft, Verantwortung und Loyalität vermitteln wolltest. zum Abschied tipptest du leicht auf meinen Kopf, vermiedest dabei tunlichst, mir in die Augen zu sehen, und lehntest es höflich ab, meine offen daneben stehende Transportbox wieder mitzunehmen. Du hattest einen wichtigen Termin einzuhalten, nun habe ich auch einen. Kurz nachdem du weg warst, sagte eine der netten Damen, du hättest mit Sicherheit schon Monate vorher vom Umzug gewusst, und somit wäre Zeit gewesen, einen "guten Platz" für mich zu finden. Sie schüttelten bedrückt den Kopf und fragten leise: "Wie konntest du?"

Die Damen widmeten sich uns, wann immer es ihre Zeit zuließ. Wir bekamen gute und reichliche Mahlzeiten, aber ich verlor meinen Appetit schon vor vielen Tagen.
Anfangs hoffte ich unentwegt, dass du zurück kämest, und mich hier rausholen würdest.
Dass alles nur ein böser Traum gewesen wäre und ich aufwachen würde..... bei dir zu Hause....

Aber du kamst nie. Und dann, wann immer jemand an "meinem" Vermittlungszimmer vorbei ging, presste ich bittend meine Pfoten durch jeden möglichen Spalt. Gab es niemanden, der mich mochte? Niemanden, dem ich all meine Liebe, Dankbarkeit und zärtliche Treue schenken durfte? Die Wahrheit war, dass ich es nicht mit den süßen kleinen knuddeligen Katzenkindern aufnehmen konnte. Unbeachtet, von allen übersehen und vergessen, zog ich mich in eine Ecke zurück, stand nicht mehr auf.

Eines Tages, am Nachmittag, hörte ich Schritte. Man hob mich auf, trug mich über einen langen Korridor, der in einen Raum mündete. Es war ein seliger, ruhiger Raum. Die Frau legte mich auf den Tisch, streichelte behutsam über meinen Kopf und erklärte mir, dass ich mich nicht sorgen solle. Mein Herz schlug voller Erwartung auf das, was nun kommen sollte. Gleichzeitig hatte ich ein Gefühl des Loslösens. Mir, der gefangenen der Liebe, gingen die Tage aus. Ich war mehr um die nette Frau besorgt als um mich selbst. Ich erkannte, dass sie an einer Last tragen müsse, die Tonnen wog.

Sie band leicht etwas um meine Vorderpfote, während eine Träne ihre Wange hinunter kullerte. Ich schob meinen Kopf in ihr Hand, so wie ich es immer bei dir getan hatte, um dir meine Liebe zu zeigen. Ich spürte einen leichten Einstich und eine kühle Flüssigkeit, die in mich hineinfloss. Ich streckte mich schläfrig aus, schaute dabei in die freundlichen Augen der Frau und murmelte:" Wie konntest du?" Möglicherweise verstand sie mein leises Miauen, denn sie sagte:" Es tut mir leid!" Sie umarmte mich hastig und erklärte, dass es ihr Job sei, mir einen besseren Platz zu verschaffen, wo ich nicht missbraucht, ignoriert und verlassen sein würde. Einen Platz, an dem ich mich nicht verkriechen müsse, einen Platz der Liebe und des Lichts, der so anders sei als auf Erden.

Mit meinem letzten Funken Energie öffnete ich weit meine Augen und sah sie unverwandt an, versuchte ihr so zu sagen, dass mein "wie konntest du" nicht an sie gerichtet war. Ich dachte an dich, du mein geliebter Mensch.

Ich werde immer an dich denken und auf dich warten. Mein letzter Atemzug ist mein Wunsch, dass dir in deinem Leben immer diese Loyalität wiederfährt....


Einige Worte des Autors:

Wenn "Wie konntest du" Tränen in Ihre Augen trieb, dann erging es Ihnen genauso wie mir, als ich dies schrieb. Jedermann ist es erlaubt, diese Geschichte weiterzugeben, solange es einem nicht kommerziellen Zweck dient. Erklären Sie der Öffentlichkeit, dass die Entscheidung, ein Haustier aufzunehmen, in eine Familie zu integrieren, eine wichtige für das Leben ist, dass Tiere unsere Liebe und unseren Respekt verdienen.

Jim Willis
Grüessli KittiBild
In memoriam
Prinzesschen, Jamiro & Eva

Bild

Benutzeravatar
pine
Beiträge: 2050
Registriert: 15.08.2006, 09:37
Wohnort: Berlin

Beitrag von pine » 22.01.2007, 18:14

Mein Gott ...
"wie konntest du" ... es ist so wahr und tut so weh ,wenn man bedenkt wie vielen Geschöpfen so was wiederfährt. Da schiessen mir sofort Tränen in die Augen. Der Mensch kann so grausam sein.
Auch unserer Hündin,die wir vor zwei Jahren ,im Alter von 7 Jahren aus dem Heim holten, ist dieses Schicksal wiederfahren. Und sie ist so sensibel ,sie ist gezeichnet von ihrer Vergangenheit. Ganz langsam gewinnt sie Vertrauen an uns, das wir immer wieder kehren.
Zuletzt geändert von pine am 16.03.2007, 22:45, insgesamt 1-mal geändert.
Tschöö ... die pine

Benutzeravatar
Pitti
Moderator
Beiträge: 5718
Registriert: 03.08.2004, 12:41
Wohnort: Potsdam

Beitrag von Pitti » 22.01.2007, 19:16

Jedes Mal, wenn ich diese Geschichte lese, bekomme ich feuchte Augen. Wenn ich an meine dicke Sina denke, die alte Dame, wie glücklich und verschmust sie ist, wie dankbar.... Ich bereue nicht einen Augenblick, sie damals aus der Wildnis heraus aufgenommen zu haben.

Jade
Beiträge: 6
Registriert: 23.02.2007, 23:33
Wohnort: Dortmund

Beitrag von Jade » 16.03.2007, 22:31

Schon von Kind auf haben mich die zärtlichen Samtpfoten begleitet und sie alle haben Spuren hinterlassen…jede von ihnen auf eine ganz besondere Art. Ossi war einer von ihnen und er lebt immer in meinem Herzen…ihm widme ich diese Zeilen und das kleine Gedicht…

An Ossi

Es war ein kalter und regnerischer Märzmorgen, als ich dich in der Straßengosse fand. Ich fuhr an dir vorbei und mein Herz wurde schwer, als ich deinen leblosen Körper liegen sah.

Überfahren…dachte ich traurig.

Was es war, was mich nach fast 200 Metern wenden ließ, um nach dir zu sehen, weiß ich nicht. Vielleicht war es eines der Wunder, die tagtäglich irgendwo in der Welt geschehen und von denen niemand weiß, wie sie zustande kommen.

Ich berührte dich vorsichtig und du hast dich leicht bewegt. Behutsam nahm ich deinen kleinen Körper hoch und du hast dich fest und schutzsuchend in meine Arme gekuschelt. So standen wir eine Weile im morgendlichen unpersönlichen Berufsverkehr. Niemand achtete auf uns und wir zwei spürten jeder den Herzschlag des anderen.

Entschlossen legte ich dich auf den Beifahrersitz und nahm dich mit zur Arbeit. Unterwegs warst du sehr still, aber nach einer Weile hast du auf meine Stimme gelauscht, die beruhigend auf dich einsprach. Du wurdest ein klein wenig mutiger und schautest sogar zu dem Fenster hinauf. Dein Köpfchen schmiegtest du immer wieder vertrauensvoll in meine Hand, die dich ab und zu sanft streichelte.

Während der Arbeit ließ ich dich im Auto. Ich sah oft nach dir und brachte dir Wasser und etwas Leberwurst, die du aber nicht angenommen hast. Du hast dich unter dem Sitz zusammengerollt und viel geschlafen. Du brauchtest Ruhe. Dein Herz war wund und deine Seele voller Furcht, denn du hattest etwas Schlimmes erlebt, was ich nur erraten konnte.

Am Nachmittag bestätigte der Tierarzt, dass du gesund bist und nur einen gewaltigen Schock davongetragen hast. Dort, wo ich dich fand, hat dich niemand vermisst. Ich brachte es nicht über das Herz, dich in das Tierheim zu bringen, denn deine Augen hingen mittlerweile sehnsüchtig und fast flehend an meinem Gesicht.

Ich nahm dich mit in dein neues Zuhause…

Es begann eine wunderschöne Zeit und wir waren 18 Jahre glücklich miteinander. Du hast nie Kummer bereitet und es hat fast 10 Jahre gedauert, bis du deine Scheu vor anderen Menschen etwas abgelegt hast.

Du warst glücklich und ein prächtiger und mutiger Held, dessen ebenholzschwarzes Fell mit deinen blanken grünen Augen um die Wette glänzte. Du liebtest es, Musik zu hören…am meisten gefiel dir das schöne alte Weihnachtslied „Oh Tannenbaum“.

Und du liebtest die hellen Vollmondnächte…dann warst du in deinem Element. Du hast stundenlang wie eine Sphinx auf der Fensterbank gesessen…versunken in ein vertrauliches Zwiegespräch mit dem hellen Mond, dessen Inhalt nur du allein kanntest.

Doch manchmal durfte ich mitträumen…nie werde ich diese Momente vergessen! Sehe ich heute den stillen Vollmond leuchten, weiß ich, dass dein Traum in Erfüllung gegangen ist und du mit ihm auf seiner Bahn ziehst…in einem fernen Land…hinter der Regenbogenbrücke…

Dein Pfötchen hielt ich zum Abschied fest in meiner Hand und du schmiegtest dich genauso in meinem Arm wie bei unserer ersten Begegnung…dazwischen lagen 18 Jahre Glück…


Träumend schwebt sein Blick ins Weite…
Das Silbermondlicht streichelt ihn,
Umschmeichelt sanft den dunklen Schatten…
Es gibt nur Nacht…den Mond und ihn.

Zärtlich berühren meine Hände
Dein schwarzes Fell…Du lässt es zu!
Gemeinsam träumen wir im Zauber
Von Nacht und Mond…nur ich und Du!

© H. ten Eikelder
Denken ist die Zauberei des Geistes

Lord Byron

Benutzeravatar
pine
Beiträge: 2050
Registriert: 15.08.2006, 09:37
Wohnort: Berlin

Beitrag von pine » 16.03.2007, 22:54

cryl Das hast du rührend geschrieben. Ich bin da sehr nah am Wasser gebaut .
Tschöö ... die pine

Benutzeravatar
Kitti
Moderator
Beiträge: 4610
Registriert: 16.01.2005, 13:38
Wohnort: Schweiz
Kontaktdaten:

Beitrag von Kitti » 16.03.2007, 23:01

[img]http://www.cheesebuerger.de/images/midi ... g/d040.gif[/img] Eine wunderschöne und sehr berührende Geschichte Jade....
Grüessli KittiBild
In memoriam
Prinzesschen, Jamiro & Eva

Bild

Benutzeravatar
Helle
Administrator
Beiträge: 5528
Registriert: 27.07.2004, 18:45
Wohnort: Berlin

Beitrag von Helle » 17.03.2007, 08:10

Liebe Jade, das ist eine wundervolle und sehr persönlich und liebevoll geschriebene Geschichte von Ossi und dir. Vielen lieben Dank dafür!
Viele Grüße

Helle

"Irren ist menschlich"
Auch Mist kann Wachstum fördern
P. Rohner

Benutzeravatar
Pitti
Moderator
Beiträge: 5718
Registriert: 03.08.2004, 12:41
Wohnort: Potsdam

Beitrag von Pitti » 17.03.2007, 23:22

...und meine Tränen rollen, gerade jetzt, nachdem ich von Sabines Tina erfahren habe....
Danke Jade, es ist wundervoll ge- und beschrieben.

Jade
Beiträge: 6
Registriert: 23.02.2007, 23:33
Wohnort: Dortmund

Beitrag von Jade » 26.03.2007, 17:35

@Kitti: Deine Geschichte hat mich sehr berührt und mir gleichzeitig Mut gemacht, ein wenig von der schönen Zeit mit meinem schwarzen "Ossi" zu schreiben.

@alle: Es ist unglaublich, wie schnell 18 Jahre der Vergangenheit angehören...und das ganz besonders, wenn die gemeinsame Zeit so schön war. Doch jede Begegnung im Leben trägt den Abschied schon in sich, aber die Erinnerung bleibt und ich denke mit einem lachenden und einem weinenden Auge an Ossi zurück und freu mich noch heute über seine damaligen kleinen Streiche und seine Lebenslust.

Liebe Grüße an Euch alle...

Jade
Denken ist die Zauberei des Geistes

Lord Byron

Antworten